Mannheimer Mozart Sommer

  Mozartprisma-Blog

 

 

Herzlich Willkommen beim Blog der Teilnehmer des Stipendiatenprogramms Mozartprisma!

33 Stipendiatinnen und Stipendiaten begleiten auch in diesem Jahr den Mannheimer Mozartsommer. Neben den Veranstaltungen des Festivals bietet das Stipendiatenprogramm Studierenden die Möglichkeit, musikalische, inszenatorische und performative Ansätze im Umgang mit Mozarts Werk in der direkten Auseinandersetzung mit Künstlern, Theaterschaffenden und Dozenten kennenzulernen und zu diskutieren. Auf unserem Mozartprisma-Blog berichten sie über ihre Eindrücke, Erfahrungen und Erlebnisse rund um Mozart und den Mannheimer Mozartsommer.

…bloß wohin?

In der Mannheimer Oper lädt Regisseur Joachim Schlömers Abendempfindung im Rahmen des Mozartsommers zum Fragen ein.

Ein Schwimmbad im Dunkeln, rastlose Gestalten mit Geldkoffern, die alle die gleichen beigen Anzüge tragen. Ein Traum? Ein Alptraum? Das unwirkliche Bild entstammt Joachim Schlömers Mozart-Collage ‚Abendempfindung‘. Das Personal sind die Performerin Marianne Hamre, der Tänzer Graham Smith und die Sopranistin Cornelia Ptassek. Anhand von Fragmenten aus Mozarts Briefen wirft der Abend existentielle Fragen über persönliche Freiheit und berufliche Abhängigkeit auf und zeichnet ein Mozartbild, das neben dem des Genies und Wunderkindes häufig übersehen wird: Das des Musikers, dessen Zuhörer ‚Stühle und Wände’ sind und der, höchst modern, versucht, sich als Selbstständiger von künstlerischen und finanziellen Zwängen zu befreien.
Vor einem Schwimmbecken wird auf der ganz in kühlem Blau gehaltenen Bühne der Kampf mit den eigenen Dämonen inszeniert, die Irrwege eines Menschen am Scheideweg. Zum Teil kommt dies sehr düster daher, Bilder vom Tod dominieren vor allem den zweiten Teil. So wird die Bühne in einer Szene zur Leichenhalle und die Hauptfigur setzt sich immer wieder eine Pistole an den Kopf. Ist wirkliche Freiheit überhaupt möglich in einer materiellen Welt? Zu den Doppel- und Widergängern auf der Bühne gesellen sich dabei noch mediale Spiegelungen und Gegenbilder auf einer Leinwand, die zentrale Figur vervielfacht sich, wird immer ungreifbarer. Trotz der Allgegenwärtigkeit der ‚Marke Mozart’, wie viel können wir uns anmaßen über den Menschen Mozart zu wissen, den Mann von dem kein einziges verbürgtes Bild existiert? Leider sind die gesprochenen Texte schwer zu verstehen und auch ihr Spiel ist wenig ausdrucksstark. Graham Smiths Tanz hingegen macht die innere Zerrissenheit geradezu fühlbar, die hinter allem steht und musikalisch ist der Abend ein Genuss. Cornelia Ptasseks Sopran klingt zumeist leicht und satt, die Stückauswahl, mit vielen späten Fragmenten durchsetzt, ist ungewöhnlich und bietet neben Entdeckungen wie den Stücken für Glasharmonika erfrischende Abwechslung von den üblichen Verdächtigen wie ‚Zauberflöte’ und ‚Entführung aus dem Serail’. Der Klang des Kammerorchesters unter der Leitung von Günther Albers ist klar und ausgewogen, der Star des Abends und in der Pause echter Publikumsmagnet ist jedoch die Glasharmonika. Das ebenso wie ein Klavier gestimmte Instrument besteht aus verschieden großen Glasschalen, die durch ein Pedal in Drehung versetzt und dann mit den Fingern zum Klingen gebracht werden. Zu Mozarts Zeit ein Modeinstrument, heute fast vergessen, ist ihr sphärischer und doch berückender Klang für Schlömer der Ausdruck der Unsicherheit, den eine Mozart-Arie in die Worte ‚Vado, ma dove?’ (Ich gehe, aber wohin?) fasst. Das Gefühl des Schwebens, der Ziellosigkeit zieht sich durch den ganzen Abend: Der wabernde Klang der Glasharmonika, die gepackten Koffer, das so etwas wie Schwerelosigkeit verleihende Element Wasser.
So bleiben am Ende der "Irrfahrt" dann auch viele Fragen und viel Stoff für Diskussionen: Was sollte beispielsweise der Kopfsprung in den – zur großen Freude des Publikums wirklich mit Wasser gefüllten – Pool? Ist der sprichwörtliche Sprung ins kalte Wasser ein Symbol für Befreiung, Tod oder nur ein hübscher Effekt? Im Publikumsgespräch beantwortet Schlömer viele Fragen, doch behält Gustav Mahler Recht mit der Erkenntnis, dass Kunst, die erklärt werden muss, ein Problem hat. Aus der Abendempfindung sollte man lieber die Fragen als die Antworten mitnehmen. Wohin, bleibt einem selbst überlassen.(Katharina Schmidt)

 
Erster Eindruck: Bernhard Lang und die stotternde Musik

Eine Festspieleröffnung im speziellen habe ich noch nicht miterlebt, erstaunlicherweise war die des Mozartsommers am Sonntag morgen im Unteren Foyer des Nationaltheater aber zu großen Teilen genauso, wie ich erwartet hatte – vielleicht einmal abgesehen von den pinken Gymnastikbällen, die wie überdimensionale Bonbons herumkugelten. Über obligatorische Reden möchte ich mich hier nicht auslassen, abgesehen davon soll das auch nicht der Gegenstand meines ersten Eindrucks sein. Überspringen wir also diesen Teil und kommen gleich zum zweiten Akt der Eröffnung: Die Auftragswerke von Bernhard Lang und Adriana Hölzky für Player Piano (letzteres kennt man auch als selbstspielendes Klavier). Erfüllbare Erwartungen hatte ich nicht – tatsächlich hatte ich gar keine. Trotzdem hat Langs Monadologie X mich, gelinde gesagt, irritiert. Über das Theaterfoyer brach eine Sturmwolke von Tönen herein, wild durchmischt mit allzu bekannten Mozartphrasen, und versetzte die hopsenden Zuhörer auf ihren Gymnastikbonbons in Staunen. Der Applaus kam, doch ich werde das Gefühl nicht los, dass da Höflichkeit mitschwang.
Immer noch irritiert saß ich darauf hin Montagvormittag in einem Vortrag Langs zu seinem Stück. Auftritt der Komponist. Bernhard Lang, schwarz gewandet mit Glatze und Sonnenbrille, erinnert mich ein wenig an einen Techno-DJ. Und als der Vortrag mit einer erneuten Einspielung von Monadologie X beginnt, sind da tatsächlich akustische Parallelen zur elektronischen, maschinellen Musik. Vielleicht ist dem Stück ja doch noch etwas abzugewinnen…
Es folgt eine spektakuläre Stunde, in der Lang seinen Zuhörern die Welt granularer Analyse eröffnet, eine Welt, in der Musik wie Gewitter klingt, in der Filme an eine hängende Schallplatte erinnern und in der tanzende Körper ins Stottern geraten. Das Prinzip ist einfach: Eine kurze Sequenz – wenige Takte, ein Szenenbruchteil oder eine Bewegung – wird gesplittet in winzige Einzelteile, so genannte Zellen (daher auch der Namensteil „Granular“). Eine Zelle liegt im Längenbereich von 100 ms bis 7000 ms. Mit einem eigens geschriebenen Computerprogramm werden diese Zellen geloopt, das bedeutet beliebig oft wiederholt und mit jeder Wiederholung leicht verändert. Dadurch explodiert der Bruchteil einer Sekunde auf gewaltige Ausmaße. Auf diese Art und Weise wird die Sequenz Zelle für Zelle durchwandert, mal vorwärts, mal rückwärts, und aus vier Takten Wolfgang Amadeus Mozart werden einige Minuten Bernhard Lang.
Die vermeintlich simple Struktur birgt jedoch Schwierigkeiten: Von der ästhetisch-akustischen Anordnung der Loops bis hin zur Spielbarkeit eines Interpreten – und sei es ein Player Piano – erfordert eine Bandbreite von Kriterien das Eingreifen des versierten Künstlers. Dem Komponisten ist also nicht „nur“ die Sequenzauswahl und Zelleinteilung überlassen. Tatsächlich ist die Bestimmung der Parameter für die Loopgenerierung alles andere als einfach. Und so wird in Langs Vortrag immer deutlicher, dass seine Sturmwolke aus Tönen immense Komplexität in der Entstehung sowie im Klang birgt.
Auch wenn ich zugeben muss, dass mir die granulare Musik (noch) nicht ans Herz gewachsen ist, erstaunt es mich doch, wie sehr das Verstehen ihrer meinen Zugang dazu verändert hat. Zu wissen, dass die vermeintlich durcheinander geworfenen Töne hochkomplexe Kunst und Wissenschaft sind, macht die Monadologie X für mich plötzlich spannend und beeindruckend. Vielleicht stellt sich auch die emotionale Bewegtheit noch ein…
Eine letzte Information am Rande: Ich habe ein bisschen recherchiert und für die Entwicklung seiner Kompositionstechnik studierte Bernhard Lang tatsächlich längere Zeit die moderne Techno-Musik.
(Silja Rheingans)

Think Pink!

Was bleibt am Ende des Mannheimer Mozartsommers? Für uns Stipendiaten neben Merchandise mit dem unheimlich allgegenwärtigen pinken Hirsch und der Erkenntnis, dass Opern heute für die DVD produziert werden (!) vor allem viele interessante und wertvolle Erfahrungen und Begegnungen. Die seltene Möglichkeit, von den am Mozartsommer beteiligten Künstlern wie Bernhard Lang, Adriana Hölszky und den Musikern von Concerto Köln und Sarband Einblicke in ihre Arbeit gewährt zu bekommen, war für mich extrem interessant, insbesondere, weil die Atmosphäre in den meisten Seminaren sehr entspannt und freundlich war und man Komponisten und Musikern erfreulicherweise anmerkte, dass sie selber Spaß hatten und nicht nur einen unangenehmen Termin absolvierten. An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank für die Zeit und Aufgeschlossenheit! Die Veranstaltungen von der Zauberflöte als Puppentheater bis zur Mozart-Dekonstruktion waren allesamt ‚outside the box’ gedacht und nicht nur unterhaltsam sondern auch musikalisch so gut, dass die Titus-Inszenierung, die Dreh- und Angelpunkt unseres Programms war, keinesfalls herausstach. Im Gegenteil, trotz der fantastischen Sänger und des interessanten Interpretationsansatzes, der Bérénice ins emotionale Zentrum der Oper rückt, hatte ich den Eindruck, gerade nach dem selbst für mich als Skeptikerin der historischen Aufführungspraxis faszinierenden Seminar von Concerto Köln, dass die musikalische Interpretation etwas unstimmig, der Orchesterklang teilweise zu ungeschliffen war. Das Journalismus-Seminar erwies sich als interessanter Begleiter durch die Inszenierungen, der uns nochmal einen anderen Blick auf die Aufführungen bescherte. Obwohl mein Patternbegriff eher von Feldman geprägt ist und ich unter dem Seminar in Patterntheorie etwas anderes erwartet hatte, war die Tonsatz-Tour de Force mit Ludwig Holtmeier ein spannender Zugang zu Mozarts Komposition, ähnlich aufschlussreich wie Bernhard Langs Kompositionsskizzen zum Player Piano Stück Monadologie X. (Bleibt die Frage, welcher Teil der Klaviermechanik beim pneumatisch betriebenen Player Piano durch die Luft in Gang gesetzt wird?) Leider mussten Diskussionen teilweise abgebrochen werden, um den extrem engen Zeitplan nicht durcheinander zu bringen, der extravagante Seminarort (ich möchte an dieser Stelle für einen Umzug der Freien Universität ins Schloss Bellevue plädieren, ich habe mich gerade an das Schlossleben gewöhnt…) und das größtenteils fantastische Wetter haben die Hektik jedoch erträglicher gemacht. Trotzdem werde ich glücklich sein, am Samstag nach einer intensiven und spannenden Woche in die Semesterferien starten und Mozart an vielen Stellen durch eine neue rosa Brille sehen zu können.(Katharina Schmidt)

MOZART EX MACHINA – MOZARTSOMMER. TAG EINS 18. JULI 2010

Im Dienste der Auseinandersetzung, Bearbeitung und Neuinterpretation vorhandener Werke Mozarts stand der erste Tag des Mozart-Sommers. Die Kompositionen für Player Piano der beiden zeitgenössischen Komponisten Bernhard Lang und Adriana Hölsky eröffneten das Programm. Auf eine sehr antagonistische Art und Weise sind beide Zeugnisse der Beschäftigung mit Mozarts A-Dur Sonate KV 331, deren berühmter letzter Satz „Alla Turca“ sicherlich jedem Klavierschüler aus Jugendjahren bekannt ist. Auf diesen bezieht sich auch die Komposition Langs mit dem Titel „Monadologie X“. Während man fasziniert über der Technik von 1904 stauen darf, die zutage tritt, wenn man direkt vor dem alten Bösendorfer Flügel von Jürgen Hocker sitzt, dessen Tasten sich wie von Geisterhagen bewegen, hört man geradezu die Anstrengung, die Lang dem Player Piano durch seine unglaublich schnelle und rhythmisch komplizierte Komposition abverlangt. Die Vakuum-Pumpe gibt ihr bestes um mitzuhalten. Angeblich musste sich Lang schon zurücknehmen, da die Technik auch bei einer gewissen Schnelligkeit ihre Grenzen hat. Im „Konzert“ war aber davon nichts zu spüren. Auf sehr inspirierende Weise spielt der Komponist mit Bekanntem, genauer gesagt mit vier Takten aus der Mozart Sonate, die er schrittweise durchwandert und das Stück und die Hörgewohnheit somit dekonstruiert. Eine neue Art des Hörens entsteht, die Mittel sind minimalistisch, aber sie haben ihre Wirkung.
Ganz komplementär das Werk „Pegasus“ von Adriana Hölsky. Es ist ein sehr nachdenkliches Stück, welches die Mechanik eines Player Klaviers anfangs nicht auszunutzen sucht. Bewusst, sagt sie später, habe sie nicht in Hinblick auf die Schnelligkeit eines mechanischen Flügels hin komponiert. Vielmehr beginnt das Stück langsam und innig, es wäre gut selbst zu spielen, und steigert sich dann nach und nach in komplexere Figuren, das Thema bekommt Tiefe und Schattierungen. Erst ganz zum Schluss erklingen zwei Takte aus Mozarts Sonate.
Das Element der Beschleunigung, welches so bedeutend für die Mechanischen Klaviere war – man höre und schaue sich Ernst Tochs Werk „Der Jongleur“ an – ist auch konstitutiv für die Lautperformance von isabeella beumer. Wenn die international bedeutende Vokalartistin mit Worten, Lauten, Geräuschen, mit einem Bogen auf einer Klangschüssel und gegeneinander getakteten Metronomen die Luft zum Klingen bringt hat man den Eindruck, als zögen die Geräusche des Lebensalltags mit einer Geschwindigkeit von 500 km/h an einem vorüber. Sie selbst spricht von „gegenseitiger Durchdringung musikalischer und poetischer Bereiche“. In der Tat braucht es in all den Lauten nur ein Intervall und man erkennt die Königin der Nacht.
Mit einem Obertonspektrum von bis zu zehn Obertönen über dem Bordunklang ging ihre Darbietung tief unter die Haut.
Zum Schluss näherte sich der Turntablist Wolfgang Fuchs Mozart mit drei gleichzeitig spielenden Schallplatten. Man könnte auch von Schrott-Verwertung sprechen, da die für die Performance genutzten ca. 20 Platten alle vom Flohmarkt stammen. Interessant war, wie Mozarts Musik manchmal als Beat genutzt wurde und durch das Scratchen wie ein moderner Technobeat klang. Bei so vielen Platten ist dann aber doch das meiste Improvisation und interessant, wie sich die Klänge jedes Mal neu und anders miteinander vermischen.
Klassischen, unbearbeiteten Mozart gab es nachmittags im Park, in dem man sich fühlen durfte wie im 18. Jahrhundert. Als Barockdamen verkleidete Fräulein flanierten zwischen den Blumenrabatten umher und die Musiker beschenkten das Ohr mit reinen Mozart Klängen. Konnte man sich währenddessen im idyllischen Moscheegarten in den Schatten legen, war es die reinste Wohltat…
(Dina Lucia Weiss)

Fotos: Dina Lucia Weiss

Foto Abendempfindung: Sebastian Hoppe